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Das Lightning-Netzwerk wächst rasant? Eher nicht.

Das Lightning-Netzwerk wächst rasant? Eher nicht.
Manchmal wird gesagt, das Lightning-Netzwerk auf Bitcoin durchlaufe ein rasend schnelles Wachstum. Das stimmt nicht wirklich. Die Statistiken zeigen eher, dass das Wachstum des Lightning-Netzwerks seit bald drei Monaten stagniert. Was ist da los?
Das Lightning-Netzwerk gilt als die Zukunft von Bitcoin: Als ein Zahlungsnetzwerk, dass all die Unzulänglichkeiten von onchain-Transaktionen auf Bitcoin löst, das unendliche Skalierbarkeit, größere Privatsphäre und augenblicklich finalisierte Zahlungen bringt, also all das, was Skeptiker an Bitcoin oft vermissen. Als diese finale Lösung vieler Probleme wird Lightning seit drei bis vier Jahren angepriesen; seit Anfang 2018 breitet sich das offchain-Netzwerk auf Bitcoin aus.
Man würde meinen, dass Lightning bei der Dringlichkeit und Bedeutung des Unternehmens rasend schnell wachsen würde. Gelegentlich wird dieser Eindruck auch erweckt. Doch wenn wir uns die Statistiken zu Lightning anschauen, zeigt sich genau das Gegenteil – ein Netzwerk, das offenbar seit bald drei Monaten stagniert.
Charts, Charts, Charts
Wir beginnen mit dem vermutlich wichtigsten und eindeutigsten Charts:
Anzahl Channels und gesamte Kapazität im Lightning-Netzwerk im 6-Monats-Chart. Quelle: p2sh.info
Wir sehen hier die Anzahl von Channels (gelb) sowie der gesamten Kapazität (grün) des Lightning-Netzwerks im 6-Monats-Chart. Wie zu sehen ist, ist das Netzwerk Mitte März auf rund 43.000 Channels und eine Kapazität von etwa 1060 Bitcoin gesprungen. Seitdem stagniert es, mit einem eher rückläufigen Trend. Es gab in den letzten drei Monaten weder ein Wachstum in der Anzahl Channels noch in der Kapazität des Netzwerks. Der Chart von P2SH.info wird von den Charts auf beispielsweise bitcoinvisuals.com bestätigt.
Immerhin gibt es einen Wert, der weiterhin wächst: Die Anzahl der Lightning-Nodes. Allerdings fällt auch hier auf, dass das Wachstum seit Mitte März stark nachlässt. Während die Anzahl der Lightning-Nodes von Dezember 2018 bis zum 21. März von etwa 1.900 auf etwa 4.000 gestiegen ist – sich also in etwa drei Monaten verdoppelt hat – kamen in den folgenden drei Monaten nur noch etwa 250 neue Nodes dazu, was nicht mal ganz einem Wachstum von 10 Prozent je Quartal entspricht.
Anzahl der Lightning-Nodes im 6-Monats-Charts. Quelle: Lightblock.me
Die notwendige Folge der beiden Charts ist, dass sich sowohl die Kapazität als auch die Konnektivität der Nodes verringert hat: Mehr Nodes stellen weniger Channels.
Die Anzahl Channels je Node. Die orangene Linie ist der Durchschnitt (15,8), die anderen sind nach Perzentil geordnet. Quelle: bitcoinvisuals.com.
Dieser Chart ist nicht ganz einfach zu verstehen. Die orangene Linie zeigt die durchschnittliche Anzahl an Channels, die ein Node hat – 15,8. Die blaue Kurve dagegen zeigt die Anzahl der Nodes des „90%-Perzentils“. Ich bin mir nicht sicher genug, wie dies zu interpretieren ist, um hier zu spekulieren. Vermutlich meint es die 10 Prozent der Nodes mit den meisten Channels. Wer gute Hinweise hat, teilt sie bitte in den Kommentaren. Die grüne Kurve, das 50-%-Perzentil, stellt den Median, und ist in den letzten Wochen von 5 auf 4 gesunken. Der extreme Unterschied zwischen Durchschnitt (Mittelwert) und Median deuten darauf hin, dass die Anzahl der Channels unter den Nodes sehr ungleich verteilt ist: Einige wenige Nodes sind sehr gut verbunden, die meisten dagegen eher lose.
Notwendigerweise nimmt in dieser Konstellation die „Dichte“ des Netzwerks ab. Dichte meint im konkreten Fall das Verhältnis von möglichen und tatsächlichen Channels. Ein Node kann natürlich nicht jeden möglichen Channel kreiieren; aber die Ratio davon stellt wohl den Dichte-indikator dar.
Die Dichte im Lightning-Netzwerk. Charts von Bitcoinvisuals.com
Eine nicht minder interessante Statistik ist die der „Cut-Nodes“: Der Nodes, die bestimmte Gebiete im Netzwerk verbinden, und deren Herunterfahren einen Pfad zwischen diesen Gebieten zerschneiden würde.
Cut Nodes seit Februar 2018. Quelle: bitcoinvisuals.com.
Die blauen Säulen zeigen die absolute Menge an Cut-Nodes, die orangene Kurve ihren Anteil an allen Nodes. Dabei zeigt sich, dass die reine Anzahl an Cut Nodes konstant ansteigt, was an sich nicht verwunderlich ist, da die Anzahl neuer Nodes im Netzwerk ja auch zunimmt. Bis Ende März konnte man beobachten, dass zwar die absolute Anzahl der Cut Nodes anstieg, aber ihr relativer Anteil an allen Nodes abnahm. Seit Ende März beschleunigt sich jedoch die absolute Anzahl, und auch die relative Anzahl steigt von etwa 5,7 auf derzeit 7,5 Prozent.
Was das genau bedeutet, ist schwer zu verstehen: Dezentralisiert sich die Sphäre der „einflussreichen“, da für die Pfadfindung wichtigen Nodes? Oder verliert das Netzwerk an innerer Dichte, so dass es weniger resilient gegen die Ausfälle einzelner Nodes ist? Anstatt über solche statistisch-netzwerktheoretischen Fragen spekulieren wir aber im Folgenden über die Hintergründe dieser Tendenz.
LNBIG
Eine weitere wichtige Datenquelle sind einige Kommentare von LNBIG auf reddit . LNBIG ist der wichtigste Liquiditätsprovider im Lightning-Netzwerk. Er betreibt etwa 20 Nodes mit zahlreichen Channels und Bitcoins. Wer will, kann auf der Webseite von LNBIG um Liquidität bitten. Der große Sprung in der Kapazität, die das Lightning-Netzwerk Anfang März gemacht hat – von knapp 800 auf gut 1000 Bitcoin – geht vor allem auf LNBIG zurück.
Der Betreiber gibt zu, dass LNBIG die Quelle des aktuellen Rückgangs von Kapazität und Channels ist, weil er viele Channels geschlossen hat. „Aber ich möchte auch sagen, dass die nun geschlossenen Channels überhaupt nicht funktioniert haben … es ist schwierig zu verstehen, ob man einen Channel zu einem anderen Node öffnen muss oder ob es auch ohne geht. Ich würde sagen, dass es von meiner Seite nun mehr Qualität als Quantität geben wird.“ Um ehrlich zu sein würde LNBIG gerne mehr Channels schließen, „aber ich will das nicht machen, damit das die LN Community nicht in weitere Unruhe versetzt.“
Die Situation sei paradox: „Wenn man eine Menge Channels eröffnet, schimpft jeder, dass man das Netzwerk übernimmt. Wenn man die Channels schließt – dann gibt es auch Klagen.“ LNBIG wäre „sehr glücklich“, wenn andere Akteure nun mehr Channels öffnen und dem Netzwerk mehr Liquidität zuführen würde. „Merkwürdiger passiert das aber fast gar nicht.“ Immerhin sinke jedoch LNBIGs Anteil am Netzwerk. Er hat ungefähr 473 Bitcoin in seinen Channels, was knapp die Hälfte der Liquidität in Lightning ist.
Ein weiterer sehr interessanter Kommentar betrifft sein Verdienst. Was nimmt der größte Liquiditätsprovider im Lightning-Netzwerk durch das Weiterleiten von Transaktionen ein? „Ich habe etwa 200 bis 300 Transaktionen am Tag, selten auch 600. An Gebühren bekomme ich 5.000 bis 10.000 Satoshi am Tag, als etwa 0,4 bis 0,8 Dollar-Cent, was maximal 20 Dollar im Monat sind.“ Das Öffnen und Schließen der Channels habe ihn bislang mehr als 1.000 Dollar an onchain-Gebühren gekostet. „Daher, ich verdiene bisher nichts. Ich mache das mehr, um das Netzwerk zu unterstützen.“
Enorme mediale Aufmerksamkeit und eine Zwickmühle
Fassen wir zusammen: Sowohl die Anzahl der Channels als auch die Kapazität des Lightning-Netzwerks stagniert oder ist rückläufig; der größte Liquiditätsprovider prozessiert gerade mal 200 bis 300 Zahlungen am Tag, worauf man schließen kann, dass insgesamt kaum mehr als 600 Lightning-Zahlungen am Tag geschehen; und es scheint derzeit keine Möglichkeit zu geben, dadurch zu verdienen, dass man dem Netzwerk Liquidität zufließen lässt.
Das kontrastiert recht stark mit der medialen Aufmerksamkeit, die das Lightning-Netzwerk genießt. Auf unserem Blog gab es seit Anfang März 6-7 Artikel über Lightning, bei den Kollegen von BTC-Echo findet man unter dem Suchwort „Lightning“ seit Anfang März mehr als 40 Artikel, von denen zumindest 20-30 explizit um Lightning gehen. Beim englischsprachigen Bitcoin-Magazine habe ich nach 30 Treffern bei Google in diesem Zeitraum aufgehört, zu zählen, bei Coindesk gibt es bei der Suche nach Lightning seit Anfang März 30 Treffer . Im Durchschnitt erscheinen bei den großen Bitcoin-Medien also mindestens 2, eher 3 Artikel zu Lightning je Woche.
Wie ist all das zu erklären? Zum einen, um ein bißchen meta zu werden, könnte man das Auseinanderklaffen von medialer Berichterstattung und tatsächlichem Wachstum damit begründen, dass das Lightning-Netzwerk für die Bitcoin-Medien weiterhin der einzige wirklich präsente Hoffnungsschimmer ist. Schließlich hat Bitcoin onchain, also ohne Lightning, kaum Chancen, ernsthaft zu wachsen. Diese Schwäche lässt sich leicht ignorieren, wenn man sich darauf fokusiert, gute Nachrichten zum Lightning-Netzwerk zu bringen.
Zum anderen könnte man versuchen, die schwache Performance von Lightning zu erklären, ohne das Konzept generell in Frage zu stellen. So bleibt Lightning eine (theoretisch) perfekte Lösung für die Skalierbarkeitsprobleme von Blockchains. Die Software ist derzeit noch beta, und der Aufbau eines neuen Netzwerkes ist harte, mühsame Arbeit. Solange man noch nicht viel mit Lightning bezahlen kann – es gibt noch keine Killer-App – gibt es wenig Gründe für User, das offchain-Netzwerk zu benutzen; und solange es wenig User gibt, die Transaktionen per Lightning senden, gibt es wenig Motive für Liquiditäts-Provider, Bitcoins in Channels zu verteilen.
Das ist eine Art Zwickmühle: Die User brauchen Liquiditätsprovider, und die Liquiditätsprovider brauchen User. Wenn es weder das eine noch das andere gibt, ist es schwierig, den Anfang zu machen. Allerdings kann sich dieses Verhältnis rasch ändern. Es braucht nur eine starke, überzeugende Lightning-Anwendung, etwa die Möglichkeit, Bitcoins in Echtzeit bei Börsen oder Bitcoin-Geldautomaten einzuzahlen, um sowohl die User-Zahl als auch die Liquidität in die Höhe schnellen zu lassen. Sobald die Lawine ins Rollen gerät, könnte alles andere von selbst geschehen.
Weiter ist zu erwähnen, dass die verfügbaren Statistiken nicht das gesamte Lightning-Netzwerk fassen. Es gibt „private“ Node, die keine Transaktionen routen, sondern lediglich einseitig einen Channel unterhalten, durch den die User bezahlen können. Ein Beispiel dafür sind Wallets, die per Lightning nur Bitcoins senden, aber nicht empfangen können. Sie dürften in diesen Statistiken fehlen. Es könnte also sein, dass die tatsächliche Anzahl an Channels höher liegt als hier dargestellt. Aber wie es sich damit konkret verhält, kann ich leider nicht sagen.
Abschließend sollte noch erwähnt werden, dass Lightning – im derzeitigen Zustand – nicht eben die userfreundlichste Methode ist, mit Bitcoin zu bezahlen und Zahlungen zu empfangen. Es funktioniert gut, wenn alle User vorbereitet sind und man nur kleine Beträge von weniger als einem Euro versendet. Sobald man aber versucht, unabhängig von Zahlungsdienstleistern Geld zu empfangen, wird es heikel, und man wird sich unweigerlich mit Komplikationen zur Liquidität beschäftigen müssen. Wenn eine Zahlung dann noch größer als 20 Euro ist, wird das Lightning-Netzwerk meiner Erfahrung nach extrem unzuverlässig. All das ist nicht eben geeignet, neue User anzuziehen oder Geschäftsmodelle zu entwickeln, zu denen es gehört, dass eine große Menge Leute eine große Menge Transaktionen bilden.
Daher sollte man an dieser Stelle so fair und ehrlich sein, um einzuräumen, dass Lightning eben doch noch ein Experiment ist. Es gibt noch einiges zu tun, um es zu einem so zuverlässigen und benutzerfreundlichen Zahlungsmittel zu machen wie Bitcoin (oder andere Kryptowährungen). Und so wie es nicht möglich ist, zu garantieren, dass Lightning ein Erfolg wird, ist es auch nicht möglich, Lightning aufgrund der derzeitigen Zahlen zu einem Flop zu erklären. Es braucht noch Zeit.

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